Tango argentino "La potranca"

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Festival Medialuna/Cervia/Italien

Tango[r]evolución in Cervia/Italien – Starlehrer und Tango als Kunstbegriff

Im Winter nach Italien zu fahren, ist immer seltsam. Am Brenner liegt Schnee, Familien mit Skiträgern auf dem Dach fahren ab ins Pustertal, die Po-Ebene ist matschig-braun, manchmal scheint eine fade Wintersonne. Italien ist dann nicht das Sommer-Sonne-Strand-bekannte Land mit 40°, Sonnenmilchduft und Dolce Vita, sondern eine triste Ansammlung von Dörfern entlang der Autobahn, manchmal durchbrochen von Sonnenflecken.

Ein Tango-Nuevo-Festival im Januar in Cervia, dem typischen italienischen Stranddörfchen, lässt also nicht viel erwarten – umso mehr, als gerade Norditalien nicht für eine große und innovationsfreudige Community bekannt ist. Aber Tango[R]evolución ist von Süddeutschland grade mal so weit weg wie Hamburg, die Terminplanung rund um die Neujahrstage günstig und auch die Gastlehrer 2011 waren verlockend: Fabián Salas & Lola Diaz, Federico Naveira & Inés Muzzopappa, Mario Consiglieri & Anabella Diaz Hojmann sowie Cecilia Gonzalez und Pablo Tegli waren zu Gast und lieferten somit eine Fülle an unterschiedlichen Tangostilen und Unterrichtsmethoden. Auch musikalisch war ein Top-Act geboten: Carlos Libedinsky, der seine zweite Electrotango-CD Limanueva vorstellte.

Für ein Festival, das nicht in einer großen Stadt stattfindet und neben einigen nationalen und wenigen internationalen Besuchern doch hauptsächlich von der örtlichen Tangoszene frequentiert wird, ist das ein beachtliches ‚Star-Aufgebot’, das natürlich auch entsprechenden Unterricht und Shows während der Milongas liefert. Finanziert wird das Festival neben den Einnahmen auch durch staatliche Kultur-Fördergelder der Region Emilia-Romagna und der Gemeinde Cervia, so dass die Kurs- und Eintrittspreise im Rahmen bleiben. Ebenfalls der guten Vernetzung in der Region ist zu verdanken, dass das Festival in wechselnden ausgefallenen Räumlichkeiten stattfindet – in diesem Jahr in einem Kulturzentrum mit eindrucksvollem Foyer und leckerer Bar; auch der Tanzsaal (der eigentlich eine Säulenhalle war) hatte viel Flair mit der großen Tanzfläche und den kleinen Nischen, in denen sich die Schuh- und Kleidungsverkäufer ansiedeln konnten, aber leider war die Akustik schlecht.

Doch hinter dem Festival – wie auch verschiedenen anderen Tangoprojekten in der Region, die die Veranstalterin Susy Casalboni organisiert – steckt mehr. Sie möchte das Festival als künstlerisches Projekt verstanden wissen, das auf zeitgenössischen Tango als Tanz, Musik und Theater fokussiert: „Tango ist – wie die heutige Gesellschaftsstruktur – dynamisch. Darum lebt der Tango weiter und wird auch im neuen Jahrtausend mit derselben Verve und Kraft existieren. Tango drückt das Lebensgefühl nicht nur der vergangenen, sondern auch der neuen Generationen aus, und ist keine sentimentale Erinnerung an die Vergangenheit, sondern der Ausdruck einer ängstlichen Suche nach sich selbst in einer Gesellschaft, die sich so rasch entwickelt wie nie zuvor. So reiht sich der Tango nach ihrer Ansicht in den Kunstbegriff des 21. Jahrhunderts ein, der – bedingt durch technisch immer ausgefeiltere Ausdrucksmöglichkeiten – auf stete Erneuerung drängt. Auch bei der Auswahl der Gastlehrer und -tänzer achtet Susy Casalboni darauf, dass die Künstler der ‚Jetzt-Zeit’ zugeneigt und „willens und fähig sind, ein Gefühl für Wandel zu empfinden und zu zeigen und damit repräsentativ für ihre Zeit zu sein.“ Dabei gilt es für die Veranstalterin, nicht nur ein „Tanz-Festival mit Unterricht“ zu organisieren, sondern auch Spuren des modernen Tango in Film, Bildkunst, Tanztheater-Aufführungen und Konzerten zu entdecken. Milongas spiegeln in Charakter, Musikwahl und Werbung den Geist des Tanzraumes wider, Tänzer werden dazu angeregt, sich mit mehr als nur Schritten und Musikinterpretation zu befassen, und so den Tango nochmal neu zu begreifen. Für dieses Engagement wurde Susy Casalboni in Buenos Aires im März der Preis der CITA (Congreso Internacional de Tango Argentino) von Fabian Salas verliehen.

Die 7. Edition des Festivals im Januar 2012 wird in verschiedenen historischen Gebäude in Cesena stattfinden, und als Lehrer sind die Naveira-Familie mit Gustavo & Giselle Anne, Federico & Inés Muzzopappa sowie Ariadna & Fernando Sanchez eingeladen. Im Teatro Verdi wird auch erstmalig deren Tango-Show Tango Generations gezeigt werden, und ‚Otros Aires’ wird im Naima Club in Forlì aufspielen. Man darf gespannt sein, ob 2012 mehr deutsche Tänzer den Weg in den Süden finden – der Weg wird sich in jedem Fall lohnen, ob mit oder ohne Italien-Flair.

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