Tango argentino "La potranca"

Allgemein

Startseite Impressum English version

Tango als Umwerben der Frau

Jaimes Friedgen – Tango als Umwerben der Frau

Nach einigen Monaten zuhause in Deutschland packte mich Fernweh – oder doch Heimweh? - nach USA-Tango, nach Tango in dem Land, wo ich ein bisschen studiert und viel mehr getanzt hatte. Also kurzerhand einen Billig-Flug gechartered, Freunde aus Midwest nach Washington bestellt – und Plätze für ein Tanzfestival mit Jaimes Friedgen aus Seattle gebucht, der gerade in der Stadt weilt und drei Tage mit Anne-Sophie, die dort lebt und regelmäßig Veranstaltungen und Kurse anbietet, unterrichtet.

Jaimes ist einer der jungen Tänzer, die gerade die USA erobern: Sohn zweier Künstler, Fred-Astaire-Filme im Kinderzimmer, klassische Tanzausbildung, Tango schon in den Teen-Jahren - eigentlich mehr aus Zufall, weil ihn das Erlebnis einer Milonga, in die er mit 15 zufällig kam, so faszinierte. Er unterrichtet, seit er 20 ist; jetzt, mit 26, startet er eine USA-weite Tanz-, Unterrichts- und DJing-Karriere – allerdings noch nicht allzu ausgeprägt, denn gerade ist er Vater geworden.

Dieser Werdegang ist für viele der momentanen in-teacher typisch – Alex Krebs, Homer Ladas, Bulent Karabagli haben alle ähnlich begonnen. Dennoch unterscheidet sich Jaimes von ihnen insofern, als er sich primär auf traditionellen Tango – salón style, wie er es nennt – konzentriert. Ihm ist wichtig, dass die Figuren fließen, dass sich die Tänzer in den Fluss der Musik und der Tanzfläche einreihen. Und dass alle gemeinsam Spaß haben - wenn er wieder mal eine Soltada tanzt und dabei ein anderes Paar zwischen sich und seiner Partnerin durchtanzen lässt, merkt man, wie viel schalkhafte Kreativität in ihm steckt. Dieser Rückzug auf die alte Tango-Tradition anstatt auf neo-moves, electrotango und Show äußert sich auch in Jaimes’ Musikvorlieben und DJing-Credo: hauptsächlich spielt er alte, ausdrucksstarke Tangos, steuert die Energie auf der Tanzfläche auf den Höhepunkt hin. Dann legt er ein, zwei Stücke Piazzolla oder Electrotango auf, und lässt die Spannung sanft wieder abebben.

Jaimes’ tänzerisches Können, die Vielfältigkeit und Ausdruckskraft seiner Figuren zeigt sich natürlich primär in den Showeinlagen, von denen er am Wochenende auf fast jeder Milonga mehrere tanzte. Er improvisiert geübt und mit spielerischer Leichtigkeit, wenn auch die Figuren manchmal über das Ziel hinausschießen. Nicht jede Musik ist für mehrfache Punktdrehungen, Colgadas und Saccadas geeignet, und spätestens bei einer Candobe-Milonga wirken die komplizierten Schrittfolgen eher deplaziert.
Ganz anders dagegen auf einer der vielen Milongas: egal, wie eng es war, Jaimes manövrierte sicher, schaffte sich Platz – und das alles, ohne anzuecken. Ohne den Zwang einer Show wirken seine Figuren fließender, noch mehr an die Musik angepasst. Während er bei den alten Tangos fast klassisch tanzt, nur hier und da eine ungewöhnliche Drehung einflicht, wird er bei electrotango und alternativer Musik viel lebendiger, unkonventioneller – genial. Man spürt, dass er sich inmitten der Tänzer – wenn auch nicht als einer von ihnen – viel wohler fühlt als im Mittelpunkt.

Nach drei Tagen Workshops und vier Nächten Milonga fliege ich zurück, einige neue Figuren im Handgepäck. Wochen später bekomme ich einen Interview-Termin mit Jaimes, höre die leichte Scheu in Jaimes’ Stimme, die ich schon beim Unterrichten bemerkt hatte. Erst, als wir den üblichen Small-Talk hinter uns haben und ich die erste Tango-Frage stellt, entspannt er, wird lockerer, begeistert – und erzählt.

Über die Unterschiede zum Beispiel, die er im Tanz von Amerikanern, Europäern und Argentiniern wahrnimmt. Amerikaner, so sagt er, sehen Tango als Sport – man geht hin und macht sein Workout, wie im Fitness-Studio. Tango ist nicht ein sozialer Treffpunkt, geselliges Beisammensein mit Freunden oder eine Kunst, die es zu verfeinern gilt – sobald sie sich auf einem gewissen Niveau eingependelt haben, verspüren wenige Tänzer das Bedürfnis, weiterzulernen, Technik und Ausdruckskraft ihres Tanzes zu verfeinern. Das emotionale Erleben bleibt dabei außen vor, auch wenn Tango „fun“ ist, wenn man sich durch kreative Schrittfolgen turnt und sich dabei glänzend unterhält.
Ganz anders dagegen in Argentinien: hier gilt Tango als Kunst, als Lebensform, deren Kultivierung lebenslange Arbeit, aber auch emotionales Engagement erfordert. Und wieder anders in Europa: hier, sagt Jaimes, spürt er am deutlichsten die Ursprünge des Tango als uraltes, tiefgehendes Ritual zum Umwerben der Frau. Tango gilt als Sublimierung des Gefühls, wird technisch verfeinert, interpretatorisch umgesetzt – und verliert dabei oft die Leichtigkeit des Im-Moment-Seins, das Gefühl des unmittelbaren Kontakts zum Partner.

Das, so Jaimes, ist die Essenz des Tango: umeinander zu werben. “Tango ist uraltes Balz-Ritual, nicht das Ziel, nicht Sex zu Reproduktionszwecken – sondern die Spannung davor. Spannung, erlebt mit einem Fremden, ausgekostet, genossen. Spannung, die nicht aufgelöst wird. Einfach den Moment fühlen.“ Grinsen auf meiner Seite des Telefons ob des „Reproduktionszwecks“: „Die Mutter deines Babys, ist sie auch Tänzerin?“ Jaimes bestätigt und lacht mit, bevor er weiterführt: Im Zusammenwirken zweier einzigartiger Körper und im Einklang mit dem Bewusstsein und der Intuition entsteht Kunst, ja, eine Art sich wiederholende Kulturgeschichte: der Mann führt die Stärke seines Körpers, seine Geschicklichkeit vor, um eine Frau anzuziehen. Ist Tango, frage ich weiter, dann einfach nur das Nachtanzen des immerwährenden Klischees des dominanten Mannes und der sich hingebenden Frau, das man nicht nur in Shows, sondern auch auf der Tanzfläche oft sieht? Jaimes verneint: „Wir alle haben nicht einen, sondern mehrere Charaktere, die wir bei verschiedenen Personen oder aus einer momentanen Stimmung oder dem Musikempfinden heraus annehmen. Manchmal ist Tango ein Spiel von Dominanz und Submission, aber das ist keine Regel oder ein statischer Zustand, sondern hängt von beiden Tänzern ab.“

A propos: beide Tänzer. Wie sieht Jaimes denn die Rolle der Frau im Tango: Nettes Accessoire, sich unterordnende Befehlsempfängerin oder gleichberechtigte Partnerin? Seine Antwort schließt sich nahtlos an die vorherigen an: wenn Tango zum Umwerben, zum Flirten dient, dann geht Tanz von der Frau aus und auf sie zurück, und hat das alleinige Ziel, ihr zu gefallen, ihr gutzutun, sie herauszuheben aus dem Alltagsleben, und glücklich zu machen. Denn wenn eine Frau Spaß an der Bewegung und ab und an ein Kribbeln im Bauch hat, weiß, dass für sie gesorgt wird, sich rundum gut fühlt – dann wird sie schön von innen heraus, dann fließen ihre Bewegungen, wird sie zu einer anmutigen, lebendigen Tänzerin – ganz unabhängig vom eigentlichen Tanzniveau. Und, so Jaimes: „Ich spreche nicht von „Führenden“ und „Folgenden“, sondern von Tänzern. Führen und Folgen ist nebensächlich.“

Gehören zu diesem Konzept, frage ich weiter, auch selbständige Aktionen der Frau – Firuletes, zum Beispiel? Anne-Sophie, mit der Jaimes in Washington unterrichtet und getanzt hat, ist hierin eine wahre Meisterin: stört das, oder bereichert es den Tanz? Oh nein, sagt Jaimes: eine gute Tänzerin folgt der Basisstruktur des Tanzes, aber imitiert nicht jede kleinste Bewegung des Führenden. Und sie folgt nicht nur ihm, sondern auch der Musik, die manchmal geradezu erfordert, dass sie sich eigenständig bewegt. Wenn er eine Frau auffordere, so verlange er eigentlich nur eines: dass sie mit ihm tanzen wolle, und sie sich zusammen bemühen, etwas Schönes, ein intensives Erlebnis, aus den folgenden Tangos zu machen. Folgen, so sagt er, ist viel einfacher als wir denken – es ist Zuhören und Interpretieren: die Musik, den Tänzer, und die aus dem Moment entstehende Beziehung zwischen Mann und Frau.
Irgendwie hatte ich es mir anders vorgestellt, unser Interview. Die Fragen, die ich vorbereitet hatte, blieben weitgehend in der Tasche, stattdessen entwickelte sich ein Gespräch – und ich habe Jaimes, den Menschen, den Tänzer hinter dem Ausnahmetalent, kennen gelernt. „An old tango soul“ nannte ihn mal ein Magazin. Ja, das ist er: Jaimes hat den Tango verstanden, getanzt, gelebt. Wichtiger noch, er hat ihn durchliebt in der Umarmung zwischen Traurigkeit und Schutz, zwischen Musik und Bewegung, zwischen Begehren und Loslassen. Und das macht ihn, ganz unabhängig von seinem herausragenden technischen Können, auch menschlich glaubwürdig.

Druckbare Version Künstlerportrait Uwe N. Philipp