Tango argentino "La potranca"

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Nackter Tango - ein Antwortversuch

Nackter Tango - ein Antwortversuch

Im Artikel „Nackter Tango – Durchbruch oder Dammbruch“ der letzten Ausgabe stellte der Autor mehrere Fragen, auf die ich heute Antwortversuche wagen möchte. Und – auch das sage ich vorweg – die Grundlage zu diesem Artikel habe ich nicht irgendwo vom Hörsagen, durch Forenstatements oder zusammenfabuliert, sondern ich war schlicht und ergreifend da. Höchstpersönlich, höchst ausgezogen.

Fangen wir aber beim Gegenteil an: beim Anziehen. Warum tanzten nicht mehr Herren „nackt“ oder im Dresscode? Ganz einfach machte ich mir die Antwort, wenn ich schriebe: weil es so auf der Einladung zur Veranstaltung erbeten wurde, wo für Herren Anzug/Smoking vorgeschlagen war. Komplexer ist wohl die Erklärung mittels eines inhärenten Hangs zur Verkleidung: während so gut wie jede Frau in Laufe der Woche zwischen Business-Woman, Mutter, Shopping-Freundin und frivoler Geliebter wechselt (und für letzteres zumindest Strumpfhalter und eine Corsage im Schrank hat), gibt’s für Männer wesentlich weniger Klischee-Rollen – und kaum alltagsgängige Dessous. Das Spiel mit Persönlichkeitsanteilen, mit Rollen und Verkleidung mag also einem Mann schwerer fallen als eine Frau – innerlich wie äußerlich. Letztlich mag es auch an der Rücksichtnahme gelegen haben: viele Männer transpirieren und wissen darum – unangenehm genug, beim Tanzen das Hemd durchzuschwitzen, viel schlimmer, damit nackt eine ebenso nackte Tanzpartnerin (die nicht zugleich Lebenspartnerin ist) zu belästigen. Insofern wissen Frauen die Rücksichtnahme in den meisten Fällen durchaus zu schätzen…

Die Reibung Brust-an-Brust dagegen, wie sie beim Engtanzen vorkommt, ist durchaus auch nackt zu ertragen – wenn man den Partner anziehend findet, wenn die Haut gepflegt und nicht unbedingt von einem kratzigen Brusthaartoupet geschmückt ist. Nur: wie kann frau diese Faktoren einschätzen, wenn sie zum ersten Mal mit einem Partner tanzt? Vermutlich gar nicht, und so bleibt es auch immer wieder ein Wagnis, sich „nackt an nackt“ zu begegnen. Auch diesem mag der Kleidungsvorschlag des Veranstalters vorgebeugt haben.

Die Leugnung eines Zusammenhangs zwischen Erotik und Neo-Tango scheint mir hingegen recht abwegig: wodurch, wenn nicht durch das kreative Spielen mit Nähe und Distanz, mit Anziehung und Ablehnung baut sich eine Spannung im Paar auf? Anders gefragt: wenn ich von der ersten Minute an eng am Partner schmiege – was kann ich mir dann im Laufe des Tanzes noch erwarten, noch erhoffen? Ist schwitzige Körperwärme wirklich besser als streichelnder Wind, der durch die boleo-gespreitzten Beine fährt? Und, voyeuristisch: was sehe ich von meiner Tanzpartnerin, wenn ich über sie drübersehe? In der offenen Haltung habe in Einblick in Dekolleté und auf den nackten Bauch, auf herausquellende Schenkel und freiliegende Knöchel – ich und das Publikum, so dass der Frau der Zusatz-Kick des Zur-Schau-Gestellt-Werdens entstehen mag. Es mag also dem ein- oder anderen nicht vorstellbar erscheinen, aber… ja, auch Nuevo-Tänzer empfinden auch Lust beim Tanzen.

Sogar soviel, dass – und hier unterstützte ich die Anregung nach Séparées – der Wunsch aufkommt, den Tanz auf einer anderen Ebene weiterzuführen. Klar wäre es nett gewesen, sich in einen extra-Raum zurückziehen zu können, vor allem, wenn man zum ersten Mal bei einer erotischen Veranstaltung war – oder auch, um sich nicht als einziges Paar „in Aktion“ zu präsentieren. Nur: woher nehmen? Speiselokale, wie die gewählte Räumlichkeit, haben üblicherweise keine ausreichende Anzahl von Nebenzimmern, in Studios fehlt dagegen eine hinreichend große Tanzfläche. Insofern musste das Séparée halt in die Garderobe, das Auto oder Hotelzimmer verlegt werden. Ob bei einer größeren verfügbaren Fläche durch Paravents abgetrennte Matratzenlager eine Lösung wären? Oder die Anmietung eines Hotel-Saals, so dass dort logierende Gäste geschützt zu den Zimmern laufen können? Oder ob sich ganz einfach die Besucher an mehr Offenheit gewöhnen?

Richtig witzig fand ich den Einwand der „ungestützten weiblichen Brüste vor allem ab Größe M“: abgesehen davon, dass die S-M-L-XL-Typisierung bei Brüsten A-B-C-D heißt, kann neo-frau unter kaum einem der typischen Kleidungsstücke, d.h. rückenfreien Tunikas, sowieso keinen BH tragen: man würde ihn sehen, und – das ist bei traditionellen Tänzern und Kleidungsstücken nicht anders – der Rückverschluss genau unter der Hand des Tanzpartners macht mehr Frust (vulgo: Druckstellen) als Lust. Gestützt auf eigene Führ-Erfahrung gehe ich also davon aus, dass ein Gutteil der Frauen beim Tanzen sowieso keinen BH trägt. Und dass die Männer, die mit ihnen Tanzen, die Brust-Bewegung als durchaus anregend und natürlich empfinden. Hier sei auch vor dem Perfektionismus-Anspruch gewarnt, der beim „Nackten Tango“ so wohltuend fehlte: es waren vielfältige Körper nackt und halbverhüllt zu sehen, junge und alte, dicke und dünne. Und jeder auf seiner Art war schön – weil von einem Menschen bewohnt, der sich darin wohlfühlte, ob die Brüste nun wackelten oder die Cellulitis dellte.

Letztlich wurde die Frage nach der Eifersucht gestellt. Die meisten Milongueros haben im Laufe ihres Tangolebens gelernt, dass Tanz-Seligkeit noch lange nicht Lebensglück bedeuten muss – und dass der geliebten Frau, dem geliebten Mann ein Tanz mit einem Fremden noch so gut gefallen kann, sein Herz aber „zuhause“ bleibt. Swinger und SMler haben’s sowieso weniger mit körperlicher und mehr mit emotionaler Gebundenheit und Treue. Insofern wird man – wiewohl als Paar auftretend und auch viel miteinander tanzend – durchaus die Tänze des andere mit einem Lächeln betrachten, und die eigenen mit Fremden genießen. Wer das nicht kann, sollte wohl tatsächlich nur mit dem eigenen Partner tanzen – und das Ganze im Vorfeld offen thematisieren. Da „Nackter Tango“ ja auch keine Spontanentschluss-Milonga war, sondern eine Anmeldung und sorgfältige Kleidungswahl erforderte, sollte – so finde ich – der emotionalen Vorbereitung ein mindestens ebenso großer Raum gewährt werden, um Verletzungen auszuschließen: der Abend soll ja beleben, befeuern, ein Paar-Ereignis werden, und nicht zur Krise führen.

Kurz möchte ich noch auf die „Möglichkeit der (Selbst)Verwirklichung“ eingehen, die den „Betroffenen“ durch eine solche Veranstaltung gegeben wird – und die sie bisher aus „Angst vor der Reaktion der Mehrheit und der durch sie vertretenen tango-öffentlichen Meinung“ nicht ergreifen konnten. Betroffene (woran leiden sie denn?), Angst vor der tango-öffentlichen Meinung: das klingt ein bisschen wie Schutzreservat für Perverse, die sich doch bitte „da drüben“ unter sich mal ausleben sollen, um sich dann – dank befriedigter Lüste – wieder leichter ins (Tango-)Gemeinleben einfinden zu können. Verstohlener Triebabbau zur besseren sozialen Integration, sozusagen. In diesem Sinne sehe ich die Veranstaltung nicht. Viel eher ist „Nackter Tango“ eine niedrigschwellige Möglichkeit, das Paarleben und die Paarerotik auf eine neue Ebene zu führen: im Gegensatz zu einer „normalen“ Erotik-Party hat man die Möglichkeit, sich anders als durch Cocktail-Schlürfen und Zugucken zu beschäftigen, und durch Auffordern oder den Tango als Gesprächsthema eine unkomplizierte Kontaktaufnahme mit anderen Gästen zu schaffen.
Hier wünsche ich der Tangoszene und damit uns allen, mit Erotik als Basiselement des Tangos, sei sie nun auf einer „Nackt-Veranstaltung“ oder in einer normalen Milonga präsent, offener umzugehen: das Erleben genießen zu lernen, anderen ihr Erleben unkommentiert und unkritisiert zu gönnen, und miteinander zu reden. Nur dann kann es gelingen, die Erotik des Tangos sowohl aus der Porno-Schmuddelecke (der im Hintergrund eingespielte Film „Nackter Tango“ bot hierzu genügend Anregungen) wie auch aus dem Klischeefach (Netzstrumpf, Schlitzrock und Macho-Posen) herauszuholen, und zu dem zu finden, was uns individuell als Person und als Paar beflügelt und befeuert.

Abschließend hat die Veranstaltung durchaus eine sehr positive Würdigung verdient: es war die erste ihrer Art in Deutschland, weitere sind gefolgt (s.u.: Homepageadressen) und weitere – auch mit speziellerem Fokus – werden folgen. Die Organisation – von der Anmeldung übers Empfangskommitee bis zur Raumgestaltung (liebevolle Deko, Ruhemöglichkeiten, toller Tanzboden und vor allem warm genug) – war perfekt. Auch wenn der eine oder andere Show-Akt nicht jeden Geschmack getroffen haben mag, so boten sie doch Auflockerung und einen Gesprächsanlass mit Unbekannten. Man merkt, dass der Veranstalter langjährige Erfahrung hat; dies kommt der Veranstaltung sehr zugute.

Das Publikum freilich kann auch der beste Veranstalter nicht steuern – und hier hätte ich mir mehr erwartet, insbesondere ein Stuttgart-typisches hohes Tanzniveau (und damit auch mehr Besucher der dortigen Szene, wiewohl die Anreisedauer mancher Besucher (München, Frankfurt, Rosenheim) – für die Veranstaltung spricht). Problematisch erschien mir in diesem Zusammenhang auch die Vermischung des Erotik-Szenen: da waren Swinger (mit einem klein bisschen Tango-Erfahrung), Tango-Begeisterte mit (leider nur sehr wenig) Zeigelust, ein paar wenige SMler, Bondage-Fans und voyeuristische StiNo-Paare. An sich kein Problem – nur: was tut man da? Tangobegeisterte tanzten meist unter sich, um das gewohnte Tanzniveau aufrecht erhalten zu können, und vielleicht auch aus einer gewissen Scheu heraus. Die Bondage-ler tanzten mit Vollkörperfessel, aber in normaler Tanzhaltung, die SMler nutzten – so schien mir – die Szenerie eher zum Aufheizen; bis knapp vor Schluss hat jedenfalls keiner die Peitsche herausgeholt. Interessant für mich wäre dagegen nicht das Nebeneinander von Neigung einerseits und Tango andererseits, sondern deren Vermischung. Ein Dom hat nunmal anders zu führen als ein „milonga-alltäglicher“ Tanguero, die Fußfetischisten hätten sich durchaus mit Massagen und Schuh-Anziehdiensten nützlich machen dürfen, und wer’s auch sonst zu dritt mag, hätte dieses Element auch im Tango präsentieren können (man denke an die unvergessliche Szene des Carlos-Saura-Films).

Auch musikalisch hätte das Bordell-Thema aufgegriffen werden können, hätte man den DJ nicht auf klassische Tangos beschränkt. Vom uralten Tango „La c… de la l…“, der natürlich nicht die „cara de la luna“ (Mondsichel), sondern die „cocha de la lora“ (Muschel der Hure) besingt, bis hin zu Christina Aguileras „Nasty Naughty Boy“ wären viele Möglichkeiten offen gewesen, die nicht nur den Tanz, sondern auch etwaige Nebenaktivitäten gefördert hätten. Zur szenebekannten Enigma-Musik mit herzerweichendem Orgasmus-Stöhnen („Principles of Lust“, „Dancing with Mephisto“) hätte man tanzen, dauerknutschen, peitschen oder mehr können. Dennoch: das sind Kleinigkeiten, die sich in der nächsten Veranstaltung oder bei einer anderen Veranstaltungsreihe ändern lassen. Und so bleibt – in der Hoffnung auf viele weitere, erotisch-knisternde Events, nur noch der „Masochism Tango“ von Tom Lehrer zu zitieren:

I ache for the touch of your lips, dear
But much more for the touch of your whips, dear
You can raise welts like nobody else
As we dance to the masochism tango

Druckbare Version Künstlerportrait Las Sombras Leading Ladies - wenn Frauen führen