Tango argentino "La potranca"

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Leading Ladies - wenn Frauen führen

Leading Ladies und folgsame Männer

Gerade komme ich von einem Workshop-Wochenende zurück. Dort habe ich mehr als 20 Frauen und einige wenige Männer getroffen, die das Führen und Folgen aus der jeweils anderen Perspektive kennenlernen wollten. Anlass genug, um sich einige Gedanken über die Entwicklung zu machen, die führende Frauen und das Konzept des Rollenwechsels in den letzten Jahren genommen haben.

Fast kein Thema in Buenos Aires

Schauen wir einmal auf die ‚Wiege des Tango’: Dort scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Es gibt in Buenos Aires kaum eine Milonga, in der Frauen führen (dürfen). Es sei denn, es handelt sich um Touristinnen - und auch dann nur spät nachts, um nicht ihre Chancen auf weitere Tänze (mit Männern) zu schmälern. Andererseits sind genau hier die Wurzeln der führenden Frauen zu finden. In der ersten Blütezeit des Tango, als dieser nach seinem Re-Import aus Paris auch die gehoberen Gesellschaftsschichten am Rio de la Plata eroberte, wurde von den höheren Töchtern gesittete, aber ausgebildete Tanzfähigkeit erwartet. In den Tanzunterricht hätte man sie allerdings kaum schicken können, schon gar nicht alleine mit einem Mann. Und so kam es, dass damals oft die Mutter, eine Tante oder Hausangestellte die Rolle der Lehrenden übernahm - und damit auch führte.

Auch in späteren Zeiten konnten die meisten Lehrerinnen führen, was die Betreuung der Schüler erheblich erleichterte. Nur blieb und bleibt dieses Wissen zumeist in den Unterrichtsräumen – auf der Milonga folgen die meisten bekannten Tänzerinnen ausschließlich. Unverkrampfter ist der Umgang mit wechselnden Rollen bei Show-Paaren: Einige nutzen einen kurzen Führungswechsel als Demonstration des Könnens der Dame oder als witziges Show-Element.

In der wachsenden queeren Tango-Community in Buenos Aires dagegen, die in diesem November zum zweiten mal ihr Festival feiert, ist der Rollenwechsel normal. Viele Frauen entwickelten eigene Unterrichtskonzepte in- und außerhalb der Gendergrenzen und geben dieses Wissen an eine wachsende Zahl von Teilnehmerinnen weiter. Mariana Falcón hat z.B. Systeme der Führungswechsel perfektioniert und tourt damit auch durch Deutschland. Roxanna Gargano organisiert die schwul-lesbische Milonga La Marshall, die auch vielen (ganz und gar nicht queeren) führenden Tango-Touristinnen eine Heimat in Buenos Aires bietet. Ist das die einzige ihrer Art in BA?
Antwort: im Wesentlichen ja – es gibt noch eine rein lesbische practica von Mariana, früher in der Casa Brandon, jedoch wandern die grade durch verschiedene Lokale und deshalb möchte ich sie nicht aufführen. Ansonsten noch queere Tango-Privatparties, aber da kommt Mr. Normal-Leser/in auch nicht rein.

Gute Gründe

Hört man sich in der deutschsprachigen Szene um, so finden sich viele verschiedene und auch sehr persönliche Gründe, warum Frauen zu führen beginnen - von der Möglichkeit der eigenständigen Musikinterpretation über den Anspruch als Lehrerin oder weit fortgeschrittenen Tänzerin bis hin zum Männermangel. Und in der schwul-lesbischen oder Gender-Crossing-Szene wird der Wunsch geäußert, die eigene (Lebens-)Rolle neu zu finden.

Die ersten Schritte in der neuen Rolle sind zumeist spielerisch: Aushelfen im Anfänger-Kurs, der letzte Tanz auf der Milonga unter ‚sitzengelassenen’ Frauen oder vertieftes Üben mit einer Kurskollegin. Fällt dann der Entschluss, richtig Führen zu lernen, führt der Weg die meisten Frauen in einen konventionellen Anfängerkurs - in dem sie dann die Rolle des Mannes übernehmen. Mittlerweile gibt es aber auch - zumindest in den meisten Großstädten - spezielle Angebote für führende Frauen. Aus meiner Sicht ist dies auch sinnvoll: Die Gegebenheiten zweier weiblicher, annähernd gleich großer und gleich schwerer Körper erfordern ein anderes Verständnis von Führung, als dies in vielen Anfängerkursen gelehrt wird. Besonders harmonisch entwickelt sich der individuelle Tanzstil dann, wenn schon im Unterricht auf die andersartige, weibliche Bewegungsstruktur eingegangen werden kann, die zumeist einen fließenderen, leichten Tanzstil hervorbringt.

Den Tanz wieder neu lernen

Auch die Musikinterpretation muss in der neuen Rolle wieder neu erlernt werden. Denn nun spielen weniger lyrische Einschübe oder Pausen als Möglichkeit zur Verzierung eine Rolle, sondern vielmehr der Grundschlag und seine rhythmischen Varianten. Eine große Umstellung bedeutet auch der ‚Mindset-Change’: Führen heißt bestimmen, jederzeit sicher zu sein, was als nächstes geschehen wird. Für viele Frauen ist dies eine ungewohnte Situation, wenn sie bis dahin im traditionellen Rollenbild der hingebungsvollen, mit geschlossenen Augen folgenden Frau getanzt hat.

Doch genau wie die Frauen haben auch Männer, die sich entscheiden, öfter folgen zu wollen, mit der Rollen-Umstellung zu kämpfen: nur körperlich zuhören, anstatt die (sattsam bekannten) Schritte vorwegzunehmen, dabei zugleich den Körper an die weiblicheren Bewegungsmuster (Ochos, Drehungen) zu gewöhnen und bei alledem die Achse so stabil wie möglich zu halten. Gerade Letzteres ist das Hauptproblem von Paaren, die den Tango zusammen erlernt haben und auch den Rollentausch gemeinsam angehen wollen: Zwei Anfänger lernen zusammen, wohingegen eine Anfänger-Führende mit einer erfahrenen Frau und ein Anfänger-Folgender mit einem guten Tänzer wesentlich schnellere Fortschritte machen kann: das auf eigener, langjähriger Erfahrung basierende Feedback wird erheblich mehr weiterhelfen können als die Empfindung eines Anfängers in der jeweiligen Rolle.

In kleineren Szenen ist eine führende Frau anfangs zumeist eine negative Sensation: „Warum macht die so was? Die kann doch sooo gut tanzen!“ Warum wird hier das traditionelle Rollenverhalten – und das noch mit viel Spaß - umgedreht? Und warum finden die anderen Frauen schließlich doch Gefallen daran, warum hagelt es bewundernde Komplimente? Warum solidarisieren sich die Männer mit der Frau – sei's durch Begrüßung als gleichwertiger "Mann" (per Handschlag anstatt per Bussi), sei's durch vermehrte Tanzaufforderungen oder auch "Männer-Gespräche" über die richtige Führung? Trotz alledem: die Akzeptanz der neuen Rolle bleibt auf einige wenige, tolerante Tänzer beschränkt – die Mehrzahl wird tuscheln, sich wundern oder blocken. Lange schon ist es mir nicht mehr passiert, dass ein Veranstalter bat, "diesen Unsinn da" zu unterlassen – aber auch das kam früher gelegentlich vor.

Die negative Außenwahrnehmung durch einen Großteil der Szene und die bewundernde Faszination einiger weniger können auch folgende Männer (die es nicht nur als Gelegentlich-mal-Täter, sondern als ausgebildete Folgende doch noch recht selten gibt) nachvollziehen: dass sich ein Mann bewusst für das genießende Sich-Hingeben im Tanz unter der Führung einer Frau entscheidet, ist vielen unverständlich, als würde ein Sakrileg gebrochen: Männlichkeit, Machismo, Stärke gegen Emotionalität.

Wesentlich leichter verkaufen lässt sich dagegen ein gelegentlicher Rollenwechsel als verspieltes Element zweier aufeinander eingestellter Tänzer – hier ruft die ständige Verwirrung des Publikums eher Staunen als Ablehnung hervor.

Nach einigen Jahren führend-folgendem Daseins, vielen Diskussionen und einer Vielzahl von Kursen zum Thema stelle ich mir persönlich die Frage nach der ursprünglichen Motivation kaum mehr. Die Befriedigung, bei fast jeder Milonga mit guten Tänzerinnen tanzen zu dürfen, die starke Individualisierung, die mein Tanzstil durch die Möglichkeit des Führungswechsels erfahren hat, die Freude und Dankbarkeit, die mich so manch geführter Mann spüren lässt, die Möglichkeit zur eigenständigen Musikinterpretation und der nach wie vor vorhandene Spaß an der Provokation des ‚Role-Play’ – all das lässt mich an jedem Tanzabend wieder voller Freude in die niedrigen Schuhe schlüpfen!



Zitate von Tänzern:
„Anfangs war es einfach die Notwendigkeit: Auf jeder Milonga 50 % Frauenüberschuss - ist man nicht sehr gut oder sehr jung, sitzt man halt rum. Heute macht es mir mehr Spaß als das Folgen.“ (Ältere führende Frau)

„Anders sein, provozieren. Gerade die Tango-Szene, die die traditionelle Rollenverteilung soooo Ernst nimmt.“

„Manchmal ist es einfach eine Frage der Bequemlichkeit: Wenn ich nach zwei Stunden Führen müde werde, genieße ich es sehr, mich fallen zu lassen und folgen zu dürfen.“ (folgender Mann)

„Durch meine Behinderten-Arbeit hat sich die Führenden-Rolle im Tanz schon lange vor meiner Tango-Zeit ergeben und ist einfach in den Tango mit gewechselt.“

„Als Frau meinen Mann zu führen ermöglicht mir, die Rollenverteilung in unserer Partnerschaft auch im Tanz auszuleben.“

„Der Reiz am Führen? Eine wunderschöne, schmiegsame, duftende Frau durch einen Tanz begleiten zu dürfen. Begehren. Zärtlichkeit.“ (Stimme in der schwul-lesbischen Milonga)

„Schon seltsam. Da gibt es so viele Männer, und die müssen wieder alles anders machen.“ (Tänzer mit traditionellem Rollenverstädnis angesichts einer Gruppe führender Frauen)

„Es ist vor allem eine Frage des Könnens: Nach einigen Tango-Jahren finden sich für mich kaum noch Männer mit angemessenem Niveau – aber sehr viele begabte Tänzerinnen. Wenn ich also auf einer Milonga gut tanzen will, so muss ich führen und folgen.“

„Als Musikerin empfinde ich die Musik anders, differenzierter als die meisten Männer. Sie nicht (zumindest ab und an) selbst interpretieren zu dürfen, würde mir einen Großteil der Freude am Tanz nehmen.“

„Für eine Lehrerin ist Führen-Können schlichtweg eine Notwendigkeit.“

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