Tango argentino "La potranca"

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Künstlerportrait Uwe N. Philipp

Künstlerportrait Uwe N. Philipp

Ein Fototermin ist für mich normalerweise nicht locker. Passend anziehen, ordentlich schminken, die richtige Laune präsentieren – und dann noch in Tangoposen, die tunlichst nicht gewollt oder gar gestellt aussehen. Mit Uwe läuft das Shooting ganz anders: irgendein spannender Ort (an der Stadtmauer, auf einem Friedhof, in einer Bar), Musik, Uwe erzählt, spornt an, fragt nach – wir tanzen einfach, und er fotografiert dabei. Uwes Ansatz ist geprägt von seiner weiteren Tätigkeit als Coach und Trainer: er liebt die Zusammenarbeit mit Menschen, möchte sie kennenlernen und so darstellen, wie sie sind – und dafür die Möglichkeit schaffen, dass sich die Modelle der Situation, dem Partner, dem Tango hinzugeben. Das Resultat einer halben Stunde: rund 80 wunderschöne, poetische, lebendige Tanzaufnahmen, die zwei Menschen zeigen, so wie sie sind und zueinander stehen – und ihren Tango tanzen. Teilweise mit verzauselten Haaren und verrutschtem Trägertop – aber einem tangoglücklichen Lächeln.

Man spürt auf den Bildern die Prämisse des Fotografen, dass sowohl Tanz- als auch Portrait- und selbst Landschaftsaufnahmen die Dynamik der Situation spiegeln sollen, so dass das Bild und seine Aussage den Betrachter geradezu „anspringt“. Mit den Worten Uwe N. Philipps „Bilder für den zweiten Blick“, die nach Wahrnehmen von Motiv, Graphik, Farbe, ästhetischer Komposition vom Betrachter verlangen, sich zum Teil des Bildes zu machen und es für dich weiterzuentwickeln. Für Tangobilder heißt das ganz klar: „Der Betrachter muss die Tango-Musik – seine Musik – hören können.“

Hier setzt auch ein innovatives visuell-auditives Ausstellungskonzept an, dass Uwe demnächst verwirklichen will: überlebensgroße, großflächige Bilder, die dem Ausstellungsbesucher Musik entgegenwerfen – und verstummen, sobald er sich wieder abwendet. Es verschwimmt die Grenze vom Foto – das das Sein in einem realen Moment darstellt – zum Gemälde, das ein Ideal abbildet: die ausgestellten Fotos werden großflächig mit Wisch- und Zoomtechniken gestaltet und in Überlebensgröße ausgestellt.

Ein Rahmenthema, das viele von Uwes Arbeiten inspiriert, ist „Die Liebe und der Tod“ als Kurzfassung eines Zitats von Celedonio Flores („el tango [… ] tiene olor a vida, tiene gusto a muerte.“ – „Der Tango […] riecht nach Leben und schmeckt nach Tod.“) Lebendigkeit im Gegensatz zu Vergänglichen, Bleibendes verknüpft mit Jetzt-Versatzstücken. Hier kommt auch eine metaphysische Perspektive in die Bildwerke: ob der Tod endgültig ist, eher in Übergang, die Schwelle zu einer anderen Lebensform? Bleibt nicht einfach der Körper – dargestellt durch ein verlassenes Paar Schuhe – hier zurück, während die Seele zu neuen Ufern aufbricht?

Im Tango haben es dem Fotografen besonders Schuhe angetan: bei den immergleichen schwarzen Roben, die mit dem dunklen Hintergrund der Milonga-Besucher verschwimmen, sind sie oft das einzige Accessoire, das die Persönlichkeit eines Tänzers verdeutlicht. Schuhe, so sagt Uwe, „zeigen den Wert, den ein Mensch sich selbst zumisst, spiegeln die momentane Stimmung, aber auch die Gesamt-Persönlichkeit.“ Ganz besonders gilt die für auffällige, für rote Schuhe: ein Sujet, dem er eine Serie gewidmet hat. Obwohl rote Schuhe im Moment Mode sind, lassen sich Unterschiede entdecken: sind sie wegen des „in-Faktors“ gekauft oder deshalb, weil sie die Persönlichkeit des Trägers unterstreichen, weil sie gleichsam Authentizität auch auf der Tanzfläche herstellen? Zeigen sie Freiheit, die sich jemand ganz bewusst nimmt, Erotik, Hingabe – oder sind sie ein Symbol für etwas, was es noch zu entdecken gilt. Ganz klar ist die persönliche Konsequenz: Uwe tanzt am liebsten in eigens angefertigten roten Schuhen!

In der Schuh-Serie findet sich auch der Link zu Uwes Nicht-Tango-Fotografien: neben Reiseaufnahmen fotografiert er öfter in der Fetisch- und Gothik-Szene. Hier wird der Schuh zum alleinigen, zum übersteigerten Lust-Objekt, das wie losgelöst und fast seelenlos wirkt – und so einen morbiden Reiz ausübt.

Gemeinsam ist allen Bildern Uwe N. Philips die Sinnlichkeit, die sie ausströmen – man kann die Stimmung des Bildes nachempfinden, anfassen, schmecken, hören. „Sinnlichkeit“, so der Fotograf, „geht tiefer als bloße Erotik, denn sie verlangt vom Betrachter die Fähigkeit, sich auf die gezeigte Situation einzulassen.“: welch schönes Fazit, nicht nur für Tango-Fotos, sondern auch für die Tanzfläche!

Zur Person: Uwe N. Philipp, geboren 1958, fotografiert seit Kinderzeiten. Heute ist er selbständiger Fotograf und Coach zum Themenfeld Stress- und Selbstmanagement. Seine Fotoschwerpunkte sind Werbefotografie für Künstler (Tänzer, Musiker, Maler), Reisefotografie (Zentralasien, Schamanismus), Portraits, Tango und Fetisch/Gothik. Zum Tango kam er schon als Jugendlicher beim Akkordeon-Unterricht, legte das Instrument (und damit den Tango) für Jahre zur Ruhe, bis er über Werbeaufnahmen für CondeTango/Heidelberg zum Tango zurückfand. Seither tanzt er im Augsburger Raum.

(Ursprungsversion; Veröffentlichung wurde durch den Verlag gekürzt)

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