Tango argentino "La potranca"

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Künstlerportrait Las Sombras

Las Sombras - ein Tangokinofilm zum Zuhören

Einen Schatten zu fangen ist bekanntlich eine aussichtslose Sache. Das Quintett Las Sombras (die Schatten) aus Freiburg für ein Interview zu treffen, war für unsere Autorin Veronika Fischer allerdings auch nicht ganz einfach. Denn die vier Herren um die vielfach preisgekrönte Flötistin Simone Graf sind mit ihren beiden szenischen Konzertprogrammen Tangogeschichten! und Die 11 Tangos des Monsieur Arnault eigentlich ständig auf Tour. Die 2006 gegründete Gruppe Las Sombras kennt man vor allem wegen ihrer originellen "Büro"-Milonga Einspielung des Klassikers Alice, bei der Schreibmaschine und Telefon den Takt angeben und die auf vielen Milongas bereits Kultstatus genießt. Man möchte nicht vermuten, dass dieses Tangokabinettstückchen Teil einer zweistündigen Tangoshow namens Tangogeschichten! ist, die bereits schon in mehr als 60 Städten zu Gast war. Der Ensembleklang von Las Sombras ist sehr individuell und alles andere als typisch für eine Tangoband. Die klassische Rhythmusgruppe (Kontrabass-Stephan Mankiewicz, Klavier-Bernhard Sinz, Gitarre-Florian Schmid) stellt die pulsierende und perkussive Grundlage für drei Blasinstrumente dar, die mit jazzigen und klassisch-eleganten Elementen eine Vielzahl von Klangbildern möglich machen. Trotz gewisser Ähnlichkeiten zu manch schon Gehörtem klingen Las Sombras nach Las Sombras, nicht wie eine der vielen nahezu austauschbaren modernen Tangoorchester. Auch reicht das Repertoire der fünf, die öfters auch mit einem Schlagzeug- und Vibraphonspieler auftreten, von traditionellen Melodien bis Tango Nuevo, von Filmmusik bis Habanera. Aber für weitere Beschreibungen lässt man wohl besser die Band sprechen, in diesem Falle den Saxophonisten Florian Gutmann.

Worin seht ihr selbst eigentlich den Hauptunterschied zu anderen Tangogruppen? 

Sicherlich sind es unser Klang und die Besetzung des Quintetts. Die drei Blasinstrumente Flöte, Saxophon und Vibrandoneon (eine Art Melodika, das dem intensiven Klang eines Bandoneóns sehr ähnlich ist) sind nicht typisch für den Tango, vereinen aber Eleganz, Kraft und Exotik zu einem sehr energievollen Klang, der den Melodien etwas sehr Lebendiges verleiht. Ganz nebenbei schleichen sich noch gut zwei Dutzend andere Instrumente in die Konzerte ein. Vom afrikanischen Daumenklavier bis zur neapolitanischen Mandoline, wir haben da keine Berührungsängste.

Und natürlich die Art der Aufführung. Las Sombras geben ein Programm, eine Inszenierung, die vom minimalistischen Bühnenbild bis hin zu Florian Gutmanns phantasievollen Geschichten liebevoll durchdacht ist. So wird der Konzertabend zum Gesamtkunstwerk, der neben Musikgenuss auch ‚Theater live’ verspricht. Der Abend hat eine inszenierte Handlung, in lockeren Episoden erlebt das Publikum Tangotypisches, zum Lachen aber auch zum Weinen, verbunden mit der Musik. 
Wie, meint ihr, erlebt das (oftmals tangoferne) Publikum einen eurer Konzertabende?
Eine Dame sagte neulich zu mir, das Konzert sei wie ein Tangokinofilm zum Zuhören. Das trifft es ganz gut.

Nun würde ich doch noch mal gerne wissen, was hat es mit eurem Namen ‚Las Sombras’ auf sich?
Der Schatten eines tanzenden Paares ist eine sehr eigene Sache und lässt vieles in anderer Art sichtbar werden, als es tatsächlich passiert. Das ist auch in der Musik so. Was du hörst und was du dabei fühlst, muss nicht identisch sein. Musik wirft seinen Schatten erst im Kopf des Hörers. Das passt zu uns.

In den vergangenen Monaten hatte ich die Gelegenheit, ‚Las Sombras’ zweimal zu erleben: das Programm Die 11 Tangos des Monsieur Arnault, das Tango, Jazz, französisches Kino und viele Anekdötchen, schrillende Telefone und einen vermissten Star zu kurzweiligen zwei Stunden verbindet, und die deutlich ernsteren Tangogeschichten: Astor Piazzolla erzählt von seiner Jugend in New York, dem Tango am Hafen (und den Gauchos, die Milonga tanzen, um die Flöhe loszuwerden – „Milonga pulga“), der ersten, verlorenen Liebe („Milonga del Angél“) und einer taubstummen Tänzerin, die mit Hilfe eines Weckers tanzt, um den Tango – wenigstens – fühlen zu können („Coultergeist“). Viel(e) Tangogeschichte(n), viele berührende Momente und rund 15 Musikstücke in zwei Stunden.
Eine solche Zusammenstellung muss doch ein unheimlicher Aufwand sein? Wie entstehen die Ideen für ein Show-Programm? 

Wir sind wahrscheinlich die einzige Tangoshow, bei der nicht getanzt wird. Das macht die Sache manchmal sehr einfach, aber auch sehr schwierig zugleich. Die Episoden für Tangogeschichten!,  für den Piazzolla-Abend, sind seiner Biographie entnommen und werden nur aus der Ich-Perspektive erzählt. Bei den 11 Tangos des Monsieur Arnault dagegen habe ich einen reichen Schatz an turbulenten und traurigschönen Anekdoten aus der Tangowelt gesammelt und sie miteinander verbunden. Arnault ist ein Charmeur der ‚Alten Schule’. Und von Zürich bis Berlin werden sicherlich einige Herren rot werden, wenn sie sich in dieser Tangoshow plötzlich wiedererkennen.

Das kann ich mir vorstellen! Ob ihr euch da überhaupt noch unters Publikum wagen könnt?
Wo wird in den nächsten Jahren euer Schwerpunkt liegen – auf Konzerten, neuen CDs oder etwas ganz anderem?
Obwohl unsere CD Tangocafé gerade erst veröffentlicht ist, sind schon viele neue Ideen auf dem Weg, auch zu eigener selbst geschriebener Musik. Viele Leute würden auch gerne die Geschichten zu den Konzerten lesen. Ein Hörbuch ist in Planung, und für das nächste Jahr haben wir einen prall gefüllten Tourkalender.

Druckbare Version Künstlerportrait Uwe N. Philipp Nackter Tango - ein Antwortversuch