Tango argentino "La potranca"

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Der kleine Tango-Knigge 3

Der kleine Tango-Knigge - Teil 3

Während wir uns in den vergangenen Beiträgen zu Sitten und Gebräuchen rund um den Tango den Regel von dem Tanzen gewidmet haben, geht’s heute zur Sache: direkt auf die Tanzfläche.

In der Milonga – zumindest, wenn die traditionelle Musikauswahl dominiert – werden die Stücke in Tandas dargeboten. Diese Auswahl von 3-4 stilistisch ähnlichen Stücken ermöglicht, dass sich die Tänzer auf das Kommende einstellen, und den Tanzpartner finden, mit dem sie diese Art Musik am liebsten teilen. Eine reguläre Abfolge sind zwei Tango-Tandas, eine Vals-Tanda, zwei Tango-Tandas, und eine Milogna-Tanda, bevor der Zyklus von vorne beginnt. Um den Partnerwechsel zwischen den Tandas zu ermöglichen, werden oft Cortinas, musikalische „Vorhänge“ gespielt. Es ist durchaus üblich, für einzelne Tandas einen Lieblingspartner zu haben – das Mädel, das bei der Vals so schön schwingt, oder den Mann, der in der Milonga so schnelle Traspies führt. Gerade in einer größeren Veranstaltungen bewähren sich dann cortinas: jeder wird zur selben Zeit wieder „frei“ und kann sich einen neuen Partner suchen. Wenn man doch mit dem bisherigen Partner zusammenbleiben möchte, sollte man sich zumindest zum Rand der Tanzfläche bewegen, um nicht allzu sehr herauszustechen. In Buenos Aires scheint dies wesentlich strikter gehandhabt zu werden: Zusammenbleiben länger als eine Tanda – oder auch mehrmaliges Auffordern während eines Abends – signalisiert schon eindeutige Interessen. Gewöhnlich tanzt man eine ganze Tanda mit derselben Person – vorher mit einem „gracias“ oder „danke“ abzuschließen, gilt als recht unhöflich. Wenn der Abschluss dann kommt, so begleitet der Mann die Dame an ihren Sitzplatz zurück. Schließlich ist sie kein Sportgerät, das man stehen und liegen lässt.

Die kurzen Pausen zwischen den Stücken kann man nutzen, um sich kennenzulernen. Während des Tanzes spricht man eher selten: schließlich sollen sich beide, und auch die Paare drumherum, auf den Tanz konzentrieren dürfen. Genauso ist ständiges Entschuldigen, wenn mal etwas nicht klappt, unnötig: vielleicht hat’s der andere ja gar nicht bemerkt, und wenn, dann ist ihm selbst klar, dass da eben ein Fehler passiert ist. Solange sich der Tanzpartner also nicht verletzt hat, oder sonstwie schwer aus der Balance gekommen ist, kann man ihm das Mitzählen der Entschuldigungen ersparen (bei einem sehr beflissenen Anfänger kam ich mal auf 23 – innerhalb eines einzigen Tangos). Dringend nötig ist eine Entschuldigung immer dann, wenn ein anderes Paar touchiert wurde – und dies ist die Aufgabe des Mannes, hat er doch den Zusammenstoß „geführt“.

Zu Beginn der Musik – insbesondere, falls die unrhythmisierte Einleitung länger ist – bietet es sich ebenfalls an, ein bisschen zu plaudern. Keinesfalls wird Sie sich Ihm in den Arm schmeißen, oder Er Sie ohne den „Vorwand“ des Tanzens in der Umarmung festhalten, es sei denn, beide sind sich vertraut und wollen dies so. Zur Umarmung, dem abrazo, gilt: Er bietet sie an – und Sie bestimmt den Abstand. Wenn eine Frau eng tanzen will, so soll ein eingermaßen Milonga-erfahrener Tänzer darauf eingehen können; genauso, wenn sie sich den ersten Tanz noch nicht eng traut, und etwas Abstand bevorzugt – oder diesen über die ganze Tanda halten will. Nichts ist unangenehmer, als zur Nähe gezwungen zu werden – das gilt im Übrigen auch für eine Frau. Wenn er abrückt, oder durch die Art der Führung signalisiert, dass er nicht (so) eng tanzen möchte, so ist das zu respektieren. Ist man erstmal so weit, hat man die Tanzfläche vermutlich schon betreten – und dies hoffentlich in höflicher Weise. Das bedeutet: nicht einfach reindrängeln, sondern auf eine Lücke im Tanzfluss warten, oder darauf, dass eines der Paare eine Figur tanzt, durch die sich eine Lücke im Strom bildet. Besonders nett seitens der schon Tanzenden ist es, wenn man ein bisschen verzögert, und z.B. durch Nicken die Erlaubnis zum Einfädeln gibt. Das zeigt, dass man nicht nur seinen eigenen Tanz, sondern auch den der anderen respektiert und – bestenfalls – schätzt, ist man doch „zusammen zu zweit allein“ auf der Tanzfläche. Seitens der anderen Besucher ist fair, wenn die (eh meist zu kleine) Tanzfläche auch wirklich Tanzfläche bleibt – und alle diejenigen, die ratschen wollen, sich auf die Sitzflächen zurückziehen.

Im Idealfall, so sagt Tété, einer der ganz alten Milongueros, tanzen alle nicht nur mit ihrer Partnerin, sondern mit dem ganzen Raum. Vereinfacht heißt es: es gilt die Straßenverkehrsordnung. Getanzt wird gegen den Urzeigersinn, und zwar nach vorne (dazu gehört auch die konsequente Vermeidung eines Rückschritts, oder zumindest seine Ausführung in mini-mini-Version – gerade am Anfang des Tanzes, wo das Paar dahinter noch stehen könnte!). Auch Drängeln nach vorne und Trödeln nach hinten macht wenig Freunde: wenige anstrengend und flüssig für alle wird es erst, wenn jeder nach vorne ein, zwei Schrittlängen Platz lässt (auf einer engen Milonga natürlich viel weniger), dann aber auch zügig aufschließt. Und wie auf der Autobahn gilt: Überholen – insbesondere von rechts – ist nicht drin. Ist die Spur einmal gewählt, dann sollte man sich dort einrichten, und dort bleiben. Auch hier bietet die klassische Milonga Anregungen für die Raumaufteilung: in der äußeren Bahn tanzen vorwiegend diejenigen, die den Tanz schon gut beherrschen und sich dem Publikum präsentieren mögen – die Anfänger und diejenigen, die gerne wilde Figuren ausprobieren, bei denen sie kollidieren könnten, tanzen besser in der Mitte, weil sie sich dort weniger fortbewegen müssen.

Dann ist Reduktion aufs Wesentliche angesagt: die komplizierte Figur aus dem letzten Kurs – diese Gancho-Boleo-Kombination mit der 720°-Punktdrehung am Ende – muss man nicht unbedingt in der Milonga ausführen, sofern man sie noch nicht beherrscht und sich nicht sicher ist, sie an jedem (!) Punkt unterbrechen zu können, wenn sie den Tanzfluss stören oder ein anderes Paar in Gefahr bringen sollte. Die Sicherheit der Frau, und damit auch ihr subjektives Wohlfühlen – sind das oberste Ziel des Tanzens. Also wird der erfahrene Tanguero nichts tun, was sie dazu veranlassen könnte, in ein anderes Paar zu krachen, zu stolpern, oder sich sonst unwohl zu fühlen. Genauso müssen Frauen nicht auf der überfüllten Milonga die neuesten Verzierungen anbringen oder die extra-hohen Boleos (egal ob geführt oder nicht) ausführen.

Wichtig ist auch, dass die Milonga ein soziales Tanzen – und nicht ein Zur-Schau-Stellen – ist. Dies bedeutet zum einen, dass man es dem Tanzpartner, gerade, wenn er sich unterhalb des eigenen Tanzniveaus bewegt, nicht unnötig schwermachen sollte, nur um sich selbst zu profilieren. Zum anderen auch, dass die Milonga Tanzveranstaltung – und nicht Übungsstunde – ist: man tanzt, was man sicher beherrscht, und sollte der Partner dem nicht folgen können, so streicht man eben diese Figur für die nächsten Tänze. Mit heimlichen Lächeln erinnere ich mich an die Aufforderung durch einen Tango-Frischling (grade die dritte Stunde besucht), der mir lautstark auf der überfüllten Tanzfläche erklärte, dass er das Kreuz mittels Daumendruck auf mein Schulterblatt führe, und dies sowieso die einzig zulässige Möglichkeit sei. Das geht natürlich auch nicht – unterrichtet wird woanders, nicht auf der Milonga, und schon gar nicht auf eine Art und Weise, die den Tanzpartner brüskiert.

Dass den Damen solche Erfahrungen erspart bleiben, den Herren die Anfängerinnen wie Lämmchen folgen und wir alle zusammen schöne Tänze erleben – das wünsche ich uns jedenfalls zum neuen Jahr!

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