Tango argentino "La potranca"

Allgemein

Startseite Impressum English version

Der kleine Tango-Knigge 2

Der kleine Tango-Knigge - Teil 2

Heute werden wir uns intensiver mit den Sitten und Gebräuchen beim Tango Argentino beschäftigen – und zwar nicht nur mit den allgemeinen Höflichkeitsregeln, sondern auch mit den Códigos. Das sind diejenigen Verhaltensregeln, die in Buenos Aires im Siglo de Oro, dem Goldenen Zeitalter von etwa 1920 bis 1950, Gültigkeit hatten. Und die sich teilweise bis heute auf den dortigen Milongas gehalten haben – oder als Exportartikel in ausländischen Salons gepflegt werden.

Wobei wir schon mitten im Thema wären – auf der Milonga mit ihren unterschiedlichen Besuchern. Klassischerweise gibt es drei Tango-Typen: die Milongueros, die Bailarines und die Tangueros. Erstere kommen einzig und allein zum Tanzen zur Milonga – sie interessiert eigentlich nichts anderes als das. Die Bailarines sind (semi-)professionelle Tänzer, die sich auch mit Show-Tango beschäftigen. Und die Tangueros sind ganz einfach tango-verrückt, ohne unbedingt auch zu tanzen. Ein Tango-Musiker, ein Tango-Dichter oder ein Tango-DJ kann also durchaus ein Tanguero sein, ohne jemals einen Schritt getanzt zu haben.

Milongueros, Bailarines und Tangueros treffen sich am ehesten – ja, auf der Milonga, einer formellen Tanzveranstaltung. Oder aber auf einer Práctica, so werden die Übungstreffen genannt. In Buenos Aires finden diese beiden unterschiedlichen Veranstaltungen auch zu unterschiedlichen Zeiten statt: Prácticas werden eher am frühen Abend bis Mitternacht besucht, danach geht es bis in die frühen Morgenstunden zur Milonga.

Während es auf der Milonga durchaus formvollendet zugehen kann, so ist das bei der Práctica nur selten der Fall: Hier wird gearbeitet! Entweder zwei, drei Stunden mit einem einzigen Partner, mit dem man ein bestimmtes Thema weiterentwickeln will, oder aber mit wechselnden Tanzpartnern, wenn das dem eigenen Fortschritt dienlicher ist. Vor allem ist die Práctica eine Übungssituation – und so muss man sich darauf einstellen, dass andere Paare wenig auf den Tanzfluss achten, dass sie mitunter boxen, schlagen oder lautstark mögliche Fehlerquellen diskutieren. Auf einer Milonga hingegen hat ein solches Verhalten nichts verloren. Und so unzeremoniell das Auffordern bei der Práctica auch sein mag (entweder man kommt mit einem festen Partner, man wählt sich jemanden aus oder der gesamte Kurs wechselt durch) – auf der Milonga greift das Regelwerk schon vor dem ersten Tanzschritt.

Schön zum Auffordern ist der Cabeceo (Nicken) – oder das Auffordern per Augenkontakt. Ursprünglich stammt dieser Brauch aus jener Zeit, in der die jungen Töchter „aus gutem Hause“ von den Müttern begleitet und abgeschirmt zur Milonga kamen und sich so nicht mit fremden Männern zu einem Tanz verabreden konnten. Heimlichkeit war also angesagt – und ist es noch heute: Von weitem lässt man seinen Blick über die potentiellen Tanzpartner schweifen und nickt dem/der „Auserwählten“ kurz zu, hebt die Augenbrauen, blinzelt oder macht sich anderweitig bemerkbar. Reagiert der/die Angesprochene, so trifft man sich an der Tanzfläche: Sie wählt den direkten und kürzesten Weg dorthin, der Mann holt sie ab.

Heute ist dieser Brauch eigentlich überflüssig - sind wir Frauen doch emanzipiert und können durchaus mit einem fremden Mann zur Milonga (und danach unter Umständen auch mit einem solchen nach Hause) gehen. Dennoch wird dieser Brauch gerne und ausgiebig praktiziert. Sein Vorteil und sein Reiz liegen nicht im Annehmen, sondern im Ablehnen: Will man nicht mit diesem Partner tanzen, so genügt ein einfaches Wegsehen – und keiner der beiden hat sein Gesicht verloren, weil er gefragt und einen Korb bekommen oder sich mit einer Notlüge entzogen hat.

Freilich funktioniert das nur in einigermaßen hellen Räumen, in denen man sich annähernd gegenübersitzt. Vor allem müssen alle dieses Procedere verstehen - und niemand darf allzu kurzsichtig sein. Ansonsten bleibt nur die verbale Aufforderung, die für Männer eigentlich ganz einfach ist, für Frauen allerdings nicht. Vielerorts gilt es noch als Tabu oder gar als eindeutige Aufforderung zu mehr, wenn die Frau auf diese Art und Weise die Initiative ergreift. So empfiehlt es sich, in einer unbekannten Szene erst einmal die ortsansässigen Tänzerinnen zu beobachten. So oder so bleibt die Hemmschwelle für eine verbal auffordernde Frau hoch – ob sie die überschreiten möchte, bleibt letztlich jeder selbst überlassen.

Ansonsten ist es oft üblich, dass der Mann zum Tisch der Frau geht und sie dort mittels Blickkontakt oder einem mehr oder weniger gekonntem Spruch auffordert. Mein persönliches und unvergessenes Highlight: „Wat Kleene, woll´n wa mal danzen jehn, wat?“ Gelungen ist es, wenn der Mann dabei den günstigen Moment abpasst, in dem sie nicht gerade mit der besten Freundin über die Tücken des Schuhkaufs ratscht oder sich nach der Milonga-Tanda ausspannen will. Eine Unsitte ist es jedenfalls, ein offensichtlich angeregtes Gespräch zu unterbrechen – die meisten Frauen sehen auch aus den Augenwinkeln sehr gut, ob und wer sich nähert. Und vielleicht ist ein allzu eifriges Ratschen ja ein stilles Zeichen für Ablehnung. Auch den Frauen sei an dieser Stelle etwas ans Herz gelegt: Nur weil ein Tänzer auffordert muss man das gerade begonnene Gespräch nicht sofort unterbrechen. Für einen netten Satz zur Entschuldigung sollte die Zeit immer reichen.

Und dann gilt: angenommen ist angenommen. Auch wenn die erste Zusage einen Anfänger trifft und dahinter gleich Mr. Perfect-Volcada steht, der eben fragen wollte. Ein Rückzieher verletzt – und ganz ehrlich: Sooo schlimm sind drei, vier Tangos mit niemandem, als dass man sie nicht durchstehen könnte.

Mit niemandem? Vielleicht muss ich hier relativieren. Die meisten Frauen werden schon Bekanntschaft mit dem Typ Mann gemacht haben, den ich gerne „Kurschatten-Tanguero“ nenne: die Umarmung ein wenig zu eng, ein bisschen zuviel an Oberschenkel-Kontakt, nach dem „Danke“ noch ein zu langes, nerviges Gespräch am Tisch, Angebote, die nicht passen. Solche Übergriffe oder auch nur unangenehme Erfahrungen gehören nicht zum Tango, und genau wie im richtigen Leben gilt auch hier: Ein klares Nein in der Situation und zu jedem weiteren Tanz mit diesem Mann hilft am besten, auch wenn es Mut erfordert.

Überhaupt stellt sich die Frage, wen man eigentlich auffordern kann oder sollte. Manche Paare – Lebens- oder auch „nur“ Tanzpartner – kommen gemeinsam zur Milonga und tanzen fast ausschließlich zusammen. Klassischerweise wartet ein fremder Tänzer, bis der Herr sich anderweitig vergnügt, bevor er die allein gebliebene Dame auffordert. Formvollendet ist es, den begleitenden Herrn vorher, z.B. durch Blickkontakt, um Erlaubnis zu bitten.

Ein leidiger Diskussionspunkt ist auch, ob man auf der Milonga mit jedem tanzen „muss“ oder sich hauptsächlich auf dem eigenen Niveau bewegen darf. Gut für die Tanzgemeinschaft und menschlich angenehm ist es natürlich, Anfänger zu integrieren und mit ein, zwei Tänzchen aus dem Stillsitzen zu erlösen. Diese freuen sich in der Regel sehr darüber, wenn sie von einem erfahrenen Tänzer oder einer guten Tänzerin aufgefordert werden - und sind sich durchaus bewusst, dass es sich dabei um einen Höflichkeitstanz handelt. Ein Gebot der Höflichkeit ist dies allerdings nicht, zumal sich ein wirklich guter Tänzer dabei unter Umständen sehr unwohl fühlen kann. Insofern halte ich es am ehesten mit dem Satz „Drei Tangos gehen immer“ – egal auf welchem Niveau.

Druckbare Version Der kleine Tango-Knigge 1 Der kleine Tango-Knigge 3