Tango argentino "La potranca"

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Tangoheiß und Nachtkalt

Die Nacht ist kalt, und ich laufe durch die Stadt, im kurzen Spitzenkleidchen mit Sneakers (der Fußballen wegen). Der Entengang im Schaufenster lässt den Spitzenabschluss der Strümpfe blitzen, und die Sneakers grinsen himmelblau.

Durch den Knoblauch-Kreuzkümmel-Geruch der mir altbekannten Kneipe wühle ich mich zu meinem Stammplatz an der Treppe, zwänge meine Füße in die Comme-il-fauts-Mörderheels, sitze und starre auf die Tanzfläche. Keiner da, mit dem ich wollen könnte. Also sitzenbleiben. Versuchen, die nettengemeinte Tanzangebote der 10-jährigen Tanzanfänger abzulehnen, und dabei nicht aus der Rolle zu fallen, nebenbei mit den Mädels zu ratschen, Milongas zu bewerben und den Strohhalm aus der Limoflasche zu pulen. W. versucht’s dreimal, bis ich mich schließlich nicht mehr herauswinden kann, und zu einer Milonga auf die Tanzfläche schlurfe. Heil- und führungsloses Gezappel, grandios gerettet durch den DJ, der ein so untanzbares Stück auflegt, dass Ws Unsicherheit und mein Widerwillen fast schon gekonnt satirisch wirken.

Der Abend ist ruiniert, vor allem, als mich noch G (Typ: Hand aufn Hintern und Kreuz mittels Fingerdruck aufs Schulterblatt) mit einem gemurmelten „hach ist das schööööön, dass du mit mir tanzen willst“ auf die Tanzfläche zerrt.

Glut zwischen meinen Beinen, mitten in der Unlust dieses Herumgeschubses. Mein vorsichtiger Blick ins Publikum zeigt, dass R da ist. Der Mann, dessen Name wie ein gutturales Katzen-Schnurren aus Marilyns Lippen klingt, wenn er durch meine Gehirnwindungen geistert.

Ich werde heiß. Heiß auf Tango, engumschlungen mit einem Mann, den ich weder kenne noch kennen lernen möchte, weil mir Smalltalk, verbunden mit seiner Fiep-Stimme, den Zauber seines Ganges nehmen könnte. Er tut ja nichts anderes als Gehen, mal ein Kreuz, mal ein cortado, die mir als die exquisitesten Figuren vorkommen. Wie bin ich jetzt eigentlich in seinen Arm gekommen, habe ich etwa…? Egal. Selbst die Musik, prähistorischer Schrammel, klingt wie Ganzkörpervibratorbeat mit Leonard Cohen. Ich öffne mich dem Zauber, verschließe mich den tadelnden Blicken der Umgebung, als ich R nach drei Tandas immer noch nicht entlasse. Bei der vierten drückt sich sein Oberschenkel zwischen meine, mein Bauch rollt über seine Lenden, meine Hüfte sucht und findet Liebkosungen, mein Kopf verirrt sich in den Wünschen meines Körpers.

Die kurze Ansage-Pause nutzend, verschwinde ich aufs Klo, erschnuppere seinen Duft auf meiner Haut und wasche die sexschwülstige Intensität der letzten Tänze mit Aldi-Seife Mandelmilch von meinen Händen. Bevor er es bemerkt, husche ich in die Nacht. Gerettet und glücklich darüber, heute zumindest – den Traum noch für eine ganze Woche voller nächtlicher Träume und heimlicher Hoffnungen bewahrt.

Die Nacht ist kalt, und ich bin heiß. An der Straßenecke tausche ich die goldenen Schuhe gegen Sneakers und Entengang, denke über rollende Hüften nach und über Schulterblatt-Kreuze und Kratzestimmen. Alles eins, irgendwie. Untrennbar verwoben zu einem Netz, das mich in seiner verrückten, abstoßenden Widersprüchlichkeit jeden Abend wieder anzieht.
Tango-heiß und nachtkalt auf meiner Haut.

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